Anlagenbediener am virtuellen Steuerstand ausbilden
Die Aufgabe
Im Walzwerk richtet sich die Produktionsgeschwindigkeit nach dem Können des Bedieners. Geübt werden kann aber nur an der laufenden Anlage.
Ergebnisse in einem Projekt — ein übertragbares Schulungskonzept für virtualisierte Produktionsumgebungen und eine Pilotanwendung als Nachweis
realer Steuerstand als Simulation nachgebaut, mit haptischen Bedienelementen statt Bedienung über den Bildschirm
Wirkungsziele, an denen das Konzept gemessen wurde — Einarbeitungsdauer, Einarbeitungskosten, Motivation und Ausführungsgüte
Kurz zum Kunden
Stahlwerk mit über tausend Beschäftigten, Teil einer Unternehmensgruppe mit weltweit mehr als zwanzig Gesellschaften. Die Anlagen laufen über Jahrzehnte und sind weitgehend mechanisch, die Instandhaltung bindet erhebliche Mittel. Weil Stahl als Produkt allein kaum noch Unterschied macht, verschiebt sich der Wettbewerb auf Prozesse und Menschen — und damit auf die beiden Felder, die das Unternehmen in seiner digitalen Agenda nach vorn gestellt hat: Aus- und Weiterbildung und Instandhaltung.
Unsere Lösung
Wer an der laufenden Anlage lernt, bezahlt jeden Fehler mit Material, Anlagenzeit und Risiko. Der Lernort muss vor die Anlage.
Die Aufgabe
Im Walzwerk wird die Produktionsgeschwindigkeit an die Qualifikation des Bedieners angepasst: Je ausgeprägter dessen motorische Fähigkeit, desto schneller darf die Anlage laufen. Damit ist die Qualifikation kein weiches Thema, sondern der Engpass der Ausbringung — und im schlechten Fall die Ursache von Ausschuss oder Stillstand. Geübt werden kann bis dahin nur an der echten Anlage, mit allem, was daran hängt: Materialausschuss und Anlagenschäden während der Lernphase, gebundene Anlagenzeit, und ein inhärentes Sicherheitsrisiko, weil Fehler an solchen Arbeitsplätzen zu gesundheitsgefährdenden Situationen führen. Die Aufgabe ist deshalb zweigeteilt: ein Schulungskonzept für virtualisierte Produktionsumgebungen, das nicht auf einen Arbeitsplatz zugeschnitten ist, sondern auf weitere übertragen werden kann — und der Nachweis, dass es funktioniert, an einem echten Arbeitsplatz.
Unser Ansatz
Erst das Konzept, dann die Anwendung — und nicht umgekehrt. Der naheliegende Weg wäre gewesen, eine Simulation für den einen Arbeitsplatz zu entwickeln und daraus später zu verallgemeinern. Wir haben zuerst das allgemeine Schulungskonzept entworfen und es dann auf den Anwendungsfall angepasst. Der Grund ist wirtschaftlich: Ein Stahlwerk hat viele Arbeitsplätze, an denen dieselbe Logik gilt. Eine Simulation ohne übertragbares Konzept ist eine Einzelanfertigung, deren Kosten sich nur über einen Arbeitsplatz rechnen.
Haptische Bedienelemente, nicht Bedienung über den Bildschirm. Was am Steuerstand gelernt werden muss, ist nicht Wissen, sondern Bewegung — die Produktionsgeschwindigkeit hängt an der motorischen Fähigkeit des Bedieners. Eine Simulation, in der man mit einem Zeiger auf Schaltflächen klickt, trainiert genau das nicht. Deshalb wurde das Maschinencockpit mit echten Bedienelementen nachgebaut. Das ist der Unterschied zwischen einer Lernanwendung und einem Video mit Klickfeldern.
Grundtraining zuerst, Spezialfälle später. Diese Priorisierung wurde im Projekt ausdrücklich festgelegt: Für die Anwendung stehen zunächst die Basisfunktionen im Mittelpunkt, Sonderfälle sind nachgeordnet. Bei Schulungssoftware ist das die Entscheidung, die über Nutzung oder Nichtnutzung bestimmt. Wer den vollständigen Funktionsumfang abbildet, ist Jahre beschäftigt und hat in der Zwischenzeit nichts, womit ein Auszubildender arbeiten kann.
Der Nutzen wurde vorher benannt, in vier Richtungen. Kürzere Einarbeitung heißt, dass ein Auszubildender früher als vollwertige Fachkraft arbeitet. Geringere Einarbeitungskosten heißen, dass Übungsfehler nicht mehr Material und Anlagentechnik beschädigen, was Ausschuss, Instandsetzung und Ersatzteile senkt und die Anlagenverfügbarkeit erhöht. Höhere Motivation heißt, dass ein junger Mensch sich mit einer neuen Technologie eher beschäftigt als mit einer Unterweisung auf Papier. Und bessere Ausführungsgüte heißt an einem Arbeitsplatz mit inhärentem Sicherheitsrisiko nicht nur Qualität, sondern weniger gefährliche Situationen. Solche Ziele vor der Entwicklung zu benennen ist der Unterschied zwischen einem Schulungsvorhaben und einem Technologieversuch.
Der Lernort wandert vor die Anlage, nicht die Anlage in den Lernort. Kern des Konzepts ist eine Verlagerung: , die bisher im Realbetrieb stattfanden, finden in der virtuellen Umgebung statt. Das klingt technisch und ist eine Frage der Reihenfolge im Betrieb — geübt wird, bevor die Anlage belegt wird, und nicht während sie produziert. Damit ändert sich nicht nur die Ausbildung, sondern die Verfügbarkeitsrechnung der Anlage.
Das Ergebnis
Zwei Ergebnisse in einem Projekt.
Erstens ein allgemeines Schulungskonzept für Schulungsmaßnahmen mit Simulationstechnologien, mit virtueller und erweiterter Realität als Basistechnologie — ausdrücklich so angelegt, dass es für unterschiedliche Anwendungsfälle adaptierbar und übertragbar ist. Zweitens eine Pilotanwendung als Machbarkeitsnachweis an einem realen Arbeitsplatz: dem Steuerstand eines Walzgerüsts. Nachgebaut worden ist das Maschinencockpit als Simulation, einschließlich haptischer Bedienelemente statt einer Bedienung über den Bildschirm, dazu eine geeignete Lernumgebung und die Schulungsszenarien.
Für die Anwendung ist bewusst zuerst ein Grundtraining mit den Basisfunktionen umgesetzt und die Spezialfälle nachgeordnet worden. Gemessen worden ist das Konzept an vier Wirkungszielen: kürzere Einarbeitungsphasen, geringere Einarbeitungskosten, höhere Motivation der Lernenden und bessere Ausführungsgüte der Arbeit.
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