Was hat Popcorn mit Künstlicher Intelligenz zu tun? Erst trug ein einziger Anwendungsfall, dann der ganze Prozess
Man erhitzt, und lange geschieht nichts. Dann knallt das erste Korn, und danach ist kein Halten mehr. Das Bild stammt aus einem Interview von lange vor der allgemeinen Aufregung, und es lässt sich überprüfen.
Vorhersagen über Künstliche Intelligenz altern schlecht. Die meisten sind entweder zu vorsichtig oder zu laut, und beide Sorten lassen sich hinterher nicht mehr überprüfen, weil sie nie gesagt haben, woran man sie messen soll. Deshalb lohnt eine, die sich überprüfen lässt.
Am 6. November 2019 erschien im *iwd*, dem Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft, ein Interview von Berit Schmiedendorf mit Oliver Thomas, dem Gründer von Strategion. Es trug den Titel „KI wird sich so schnell verbreiten wie Maiskörner, die zu Popcorn explodieren“. Anlass war eine Statistik. Nur etwa jedes zehnte deutsche Unternehmen setzte damals Künstliche Intelligenz ein. Ob ihn das beunruhige, lautete die Frage.
Die Antwort war, dass es auf den Stand der Zahl nicht ankomme, sondern auf ihre Bewegung, und dafür das Bild vom Popcorn. Man erhitzt, und lange geschieht nichts. Dann knallt das erste Korn. Danach folgen fast alle anderen in schneller Folge.
Das war keine Vorhersage aus sicherer Entfernung. Strategion hatte die eigene fachliche Entwicklung ab 2018 konsequent auf Künstliche Intelligenz ausgerichtet. Als die Frage gestellt wurde, hatte das Haus sich also bereits festgelegt, und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem neun von zehn Unternehmen in Deutschland noch gar nicht angefangen hatten.
Das Bild ist nachprüfbar, weil es nicht behauptet, dass alles besser wird. Es behauptet einen Verlauf, lange nichts und dann kein Halten mehr.
Die Probe aufs Exempel
Die Abschlussprüfung eignet sich als Prüffeld, weil sie durchgängig dokumentiert ist und weil ihre Schritte sich beschreiben lassen, ohne dass man über sie streiten muss: Belege anfordern, Daten übernehmen, Auffälligkeiten suchen, Einzelfälle prüfen, Bericht erstellen. Dieselbe Landkarte, zweimal aufgenommen.
Beim ersten Mal trug genau ein Anwendungsfall, nämlich die Analyse der Auffälligkeiten in den Buchungsdaten, also das Erkennen von Abweichungen in großen Buchungsmengen. Er war der Fall, mit dem sich etwas versprechen ließ, und er war über Jahre der einzige. Das lag nicht an fehlendem Ehrgeiz, sondern an den verfügbaren Verfahren. Abweichungen in Zahlenreihen zu finden konnte man maschinell, und der ganze Rest des Ablaufs bestand aus Sprache, aus Dokumenten, aus Rückfragen. Dafür gab es kein taugliches Werkzeug.
Dann waren die Sprachmodelle da, und der Rest des Ablaufs war auf einmal zugänglich. Nicht weil jemand das Verfahren umgebaut hätte. Die Landkarte ist unverändert. Sondern weil eine Werkzeugklasse entstanden ist, die mit genau dem umgehen kann, woraus dieser Ablauf zum größten Teil besteht. Das ist der Umschlag, den das Popcorn-Bild meint. Es kam kein zweiter Anwendungsfall dazu. Es kam eine Voraussetzung dazu, und danach stand der Ablauf offen.
Was das Bild richtig trifft und was nicht
Der Verlauf stimmt. Die lange Phase ohne sichtbare Bewegung war real, und sie hat viele zu dem Schluss verleitet, es passiere nichts. Der Umschlag war ebenso real und kam schnell.
Die Gleichzeitigkeit stimmt nicht. Beim Popcorn platzt am Ende jedes Korn. In Unternehmen nicht. Möglich ist vieles, getan wird weniges. Der Unterschied zwischen möglich und getan ist der eigentliche Gegenstand der Arbeit, und er wird nicht von der Technik entschieden.
Die Richtung stimmt nur mit einem Zusatz. Dass ein Ablauf offen steht, heißt nicht, dass er verändert werden soll. Die Landkarte sagt, wo es möglich wäre. Welcher Schritt tatsächlich verändert wird, entscheidet sich daran, wo Zeit liegen bleibt, wo Fehler teuer sind und wo eine Veränderung außerhalb ihres eigenen Bereichs bemerkt wird.
Mittel zum Zweck
Im selben Interview steht ein Satz, der seither unverändert für unsere Arbeit gilt und heute unter unseren Prinzipien steht: „KI ist immer nur Mittel zum Zweck.“ Er ist damals nebenbei gefallen, und er ist seit dem Umschlag wichtiger geworden, nicht unwichtiger. Solange nur ein Anwendungsfall trug, war die Frage, ob es überhaupt geht. Seit der ganze Ablauf offen steht, ist die Frage, welche Stelle zählt — und das ist keine technische Frage mehr.
Im selben Gespräch fiel der Satz, es komme überhaupt nicht auf die Branche an. Auch das hat sich bestätigt, und es ist der Grund, warum eine Landkarte aus der Wirtschaftsprüfung hier überhaupt etwas erklärt. Was sie zeigt, ist nicht das Prüfungsgeschäft, sondern ein Muster. Ein Ablauf aus Anforderung, Übergabe, Prüfung, Beurteilung und Bericht sieht in der , in der Genehmigungsbearbeitung und in der Lieferantenqualifizierung nicht wesentlich anders aus.
Was zu tun bleibt
Die nützliche Übung ist nicht, die eigene Branche nach KI-Anwendungsfällen zu durchsuchen. Sie ist, einen vorhandenen Ablauf einmal so aufzunehmen, wie er wirklich läuft, und dann Schritt für Schritt zu fragen, was heute maschinell übernehmbar wäre, ohne sofort zu bewerten, ob es sich lohnt. Das Ergebnis überrascht regelmäßig auch die, die den Ablauf seit Jahren verantworten. Es sind deutlich mehr Stellen, als sie vermutet hätten.
Erst danach wird bewertet, und dann streng. Die meisten dieser Stellen bleiben liegen, weil dort nichts liegen bleibt. Übrig bleibt eine Handvoll. Die aber kennt man dann genau, und man weiß, warum es diese sind.
Fragen zu diesem Beitrag? Schreiben Sie uns über das Kontaktformular.
