KI-basierte Geschäftsmodelle: Zuerst entscheidet das Geschäftsmodell, dann die Technologie
Die Frage nach dem KI-basierten Geschäftsmodell wird fast immer als Technologiefrage gestellt. Das ist die falsche Reihenfolge: Erst wird entschieden, was sich am Geschäft ändern soll, dann, womit.
Die Frage, wie ein Unternehmen zu einem KI-basierten Geschäftsmodell kommt, wird meistens als Technologiefrage gestellt: welches Modell, welche Plattform, welcher Anbieter. Damit beginnt die Arbeit am falschen Ende. Was sich ändern soll, ist das Geschäft. Die Technik ist das, womit es gemacht wird.
Nicht die Technologie entscheidet über das Geschäftsmodell. Das Geschäftsmodell entscheidet darüber, welche Technologie gebraucht wird, und ob überhaupt.
Der Weg dorthin ist ein Innovationsprozess
Dieser Weg verläuft nach einem bekannten Muster, dem Double Diamond: zweimal öffnen und zweimal schließen. Erst wird weit aufgespannt, was überhaupt in Frage kommt, dann eingegrenzt, worum es geht; danach wird noch einmal geöffnet, welche Lösungen denkbar sind, und wieder eingegrenzt, welche es wird. Am Ende stehen die Anwendungsfälle. Erst danach geht es in die Umsetzung.
Wie die einzelnen Stationen heißen, ist dabei gleichgültig. Die geläufigen Bezeichnungen sind als Merkhilfe gewählt worden, nicht aus einer Theorie abgeleitet. Wer andere Wörter benutzt, benutzt dasselbe Muster. Und der Ablauf ist nicht linear. Sobald ein Versuch ein tieferliegendes Problem sichtbar macht, wird zurückgesprungen. Das Muster selbst ist älter als sein Name; vergleichbare Beschreibungen von Innovationsarbeit gibt es seit Jahrzehnten.
Für unseren Zusammenhang zählt daran nur, dass der Weg zum KI-basierten Geschäftsmodell ein Innovationsprozess ist und kein Einführungsprojekt. Was dabei gefunden wird, steht vorher nicht fest.
Was sich wirklich ändert
Ein Geschäftsmodell wird nicht besser, weil jemand es beschließt, sondern weil eine Rückkopplung es besser macht. Genau diese Rückkopplung ist es, die beim Übergang gewechselt wird, und das ist der eigentliche Gegenstand.
Das heutige Geschäftsmodell wird durch Prozessverbesserung und durch Informationstechnik besser. Beides sind Dinge, die ein Unternehmen an sich selbst tut. Es analysiert seine Abläufe, es führt Systeme ein, es wird dadurch besser. Das geschieht in Zyklen, die es selbst auslöst und selbst beendet.
Das KI-basierte Geschäftsmodell wird durch die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine und durch eine Intelligenz, die im Betrieb entsteht, besser. Beides läuft nur, während gearbeitet wird. Es lässt sich nicht als Projekt abschließen, weil es kein Ende hat. Es wird besser, solange das Geschäft läuft, und es hört auf, wenn das Geschäft aufhört.
Dieser Wechsel ist keine Technologieentscheidung. Wer ihn als Einführung von Werkzeugen versteht, führt Werkzeuge ein und behält die alte Rückkopplung.
Womit das gemacht wird
Gebraucht werden dafür Technologien wie große Sprachmodelle, autonome Agenten und Wissensgraphen, dazu Vektordatenbanken, Protokolle wie MCP und Rechenleistung. Welche es im Einzelnen sind, ist austauschbar. Die Aufzählung sieht in zwei Jahren anders aus.
Entscheidend ist nicht, welche man nennt, sondern dass keine davon für sich genommen etwas leistet. Ein Assistent, der eine Frage beantwortet und die Fundstelle nennt, braucht mehrere gleichzeitig: ein Modell für die Sprache, eine Vektordatenbank für das Finden, ein Protokoll für den Zugriff auf die vorhandenen Bestände, Rechenleistung für den laufenden Betrieb. Die Lösung entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Bausteine. Keiner davon allein erzeugt den beschriebenen Nutzen.
Die Engpässe liegen dabei häufig nicht im Modell selbst, sondern in erreichbaren Daten und einem tragfähigen Betrieb.
KI kommt selten allein
Was für diese Technologien untereinander gilt, gilt auch für KI und alles andere. KI tritt fast nie als einzelne Technologie auf, sondern im Bündel. Der Begriff ist unserer, die Beobachtung nicht. Breit angelegte Auswertungen amtlicher Betriebsdaten zeigen, dass fortgeschrittene Technologien überwiegend gemeinsam eingeführt werden. Betriebe, die eine davon nutzen, nutzen typischerweise auch die anderen. Einzeln steht selten etwas.
Zwei Konstellationen, in denen das offensichtlich wird. Die erste ist KI und Sensorik. Eine Maschine, die ihren Zustand meldet, erzeugt Informationen, die es vorher nicht gab. Die Auswertung ist der zweite Schritt, und ohne den ersten hat sie keinen Gegenstand. Erzeugt hat die Daten die andere Technologie. Die zweite ist KI und Standardsoftware. Auf Controlling- und Finanzdaten, die seit Jahren in festen Berichten stecken, entstehen Auswertungen, die auf eine Frage antworten statt auf eine Vorlage. Das Modell liefert die Sprache, die Daten liegen im vorhandenen System, und der Zugriff darauf führt wieder über ein Protokoll.
In beiden Fällen ist KI Mittel zum Zweck, genau wie die Technologie daneben. Sie wird interessant durch das, was sie mit anderem zusammen möglich macht, nicht für sich.
Warum die Reihenfolge entscheidet
Wer bei der Technologie beginnt, bekommt eine vorhersehbare Folge von Ergebnissen. Ein Werkzeug wird eingeführt, es funktioniert, es wird benutzt, und irgendwann fragt jemand, was es eingebracht hat. Die Antwort fällt schwer, weil nie festgelegt wurde, worauf es einzahlen sollte.
Beginnt man beim Geschäftsmodell, ist diese Frage vorher beantwortet. Dann steht fest, welcher Teil der Wertschöpfung sich ändern soll — ein Angebot, eine Leistung, ein Erlösweg, eine Kundenbeziehung —, und die Technologiewahl wird zu einer nachgelagerten Entscheidung mit Alternativen.
Dass das Neue meistens aus Bekanntem zusammengesetzt ist, ist keine Verlegenheit, sondern der Normalfall. Wer Geschäftsmodellinnovationen systematisch sichtet, findet weit überwiegend Rekombinationen bekannter Muster aus anderen Branchen. Wer ein KI-basiertes Geschäftsmodell sucht, sucht also in aller Regel keine Erfindung, sondern eine Übertragung, und die Technologie ist das, was die Übertragung möglich macht.
Es führen auch mehrere Wege zum selben Ziel. Kein Unternehmen muss den Übergang in einem Zug machen. Es kann bei einem Angebot beginnen, bei einem Prozess oder bei einer Kundenschnittstelle. Was es nicht kann, ist beim Werkzeug beginnen und hoffen, dass daraus ein Geschäftsmodell wird.
Ein Beispiel für den Unterschied, mit demselben Bündel wie eben beschrieben. Ein Hersteller, der seine Wartung bisher nach Kalender verkauft, kann sie nach Zustand verkaufen, sobald seine Maschinen Zustandsdaten liefern und jemand sie deuten kann. Das ist ein anderes Angebot, ein anderer Erlösweg und eine andere Kundenbeziehung. Die Technik dahinter ist Sensorik, Datenhaltung und ein Modell, in dieser Reihenfolge. Beginnt dasselbe Haus bei einem Sprachmodell, bekommt es vermutlich eine schnellere Angebotserstellung. Das ist nützlich, aber es ist dasselbe Geschäftsmodell wie vorher, nur zügiger.
Einordnung
Diese Frage gehört an den Anfang des Zielbilds einer Smart Enterprise. Bevor über Anwendungsfälle gesprochen wird, ist zu klären, welche Rückkopplung künftig laufen soll und ob das Unternehmen bereit ist, eine zu betreiben, die nie fertig wird.
Zur Redlichkeit gehört die Gegenposition. Man kann auch umgekehrt argumentieren. In einem KI-zentrierten Unternehmen sei die Technik nicht Mittel, sondern der Gegenstand selbst. Die Entscheidungslogik werde maschinell, und das Geschäft ordne sich danach. Dagegen steht wiederum die nüchterne Beobachtung, dass die Wirkung von KI auf bestehende Geschäftsmodelle bisher überwiegend schrittweise ausfällt und nicht umwälzend. Beides ist ernst zu nehmen. Unsere Position hält trotzdem, und zwar weil für ein Haus, das entscheiden muss, die Reihenfolge der Fragen die praktisch wirksame Größe ist. Wer mit der Technik anfängt, ohne das Geschäftsmodell benannt zu haben, hat kein Zielbild, sondern eine Einkaufsliste.
Unbequem daran ist, dass ein Geschäftsmodell, das von laufender Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine lebt, Zuständigkeiten verlangt, die es in klassischen Organisationsplänen nicht gibt. Jemand muss verantworten, dass diese Rückkopplung läuft, nicht, dass ein Projekt abgeschlossen wird. Das ist eine Entscheidung über Organisation, und sie fällt weder in der IT noch im Fachbereich allein.
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